Sie sind das Herzstück einer jeden Geschichte: Charaktere. Ohne sie geht es nicht, aber natürlich ist Charakter nicht gleich Charakter.
Einfache und flache Charaktere gibt es, Superhelden, die alles lächelnd mit der linken Hand erledigen, oder Antihelden, die uns gerade deshalb so sympathisch sind, weil sie nicht perfekt sind. Aber auch einen Mittelweg zwischen diesen beiden Polen. Figuren, die einfach nur ihre Vergangenheit vergessen wollen oder solche, die in Erinnerungen schwelgen. Choleriker, Phlegmatiker, Freunde, Feinde.
Damit ein Leser ein Buch mag, muss er sich mit den Charakteren identifizieren können. Das stellt jeden Autor vor eine knifflige Aufgabe: Er muss interessante und vielschichte Charaktere entwerfen, die abwechslungsreich sind und immer wieder überraschen können. Aber wie? Wie lernt man die Facetten seiner Charaktere kennen? Wie entlockt man ihnen diese zahllosen kleinen Details, die sie so faszinierend machen?
Viele schwören dabei auf ein Mittel: Charakterfragebögen. Man darf nun nicht den Fehler begehen Fragebogen mit Steckbrief gleichzusetzen. Es geht dabei nicht – oder nur wenig – um simple Merkmale, wie manche sie vielleicht noch aus ihrer Kindheit (in diesen putzigen „Freundebüchern“) kennen. Größe, Geburtstag, Gewicht, Lieblingsfarbe, Lieblingsessen und dergleichen. Das ist zwar alles hilfreich zu wissen, aber es ist meist irrelevant und vor allem ziemlich oberflächlich.
Echte (oder besser gesagt: gute) Charakterfragebögen sehen anders aus. Sie beinhalten zwar häufig auch diese oberflächlichen Merkmale, gehen allerdings noch wesentlich tiefer. Das Aussehen spielt eine Rolle, aber das wichtigste daran ist, welche Auswirkungen es auf die Figur hat und wie es andere beeinflusst, die mit ihr interagieren. Um die Vergangenheit geht es, um ihr soziales Umfeld und wie diese Faktoren die Person geprägt haben. Wie das Verhältnis der Person zu ihrem Umfeld ist, wie ihre Ansichten in philosophischen Fragen wie der Religion aussehen. Und schließlich der vollständige Charakter der Figur: Ängste, Sehnsüchte, psychische Krankheiten oder Störungen, Gewohnheiten, Fähigkeiten.
Ich benutze mittlerweile auch häufig Charakterfragebogen, wenn ich neue Figuren entwerfe und ich muss sagen, dass es mir wirklich hilft. Es bringt eine gewisse Struktur in den Charakterentwurf und ist allemal besser als einfach alle Merkmale, die einem so in den Sinn kommen, nacheinander auf ein Blatt Papier zu klatschen. Außerdem zwingen sie dazu, über Aspekte nachzudenken, denen man sonst keinerlei Beachtung geschenkt hätte, die aber dennoch wichtig sind.
Allerdings gilt auch das, wie alles, nicht uneingeschränkt: Man darf sich nicht zu sehr an die Fragen auf Fragebogen klammern. Solange man sie als Hilfsmittel sieht, als Möglichkeit zur Entdeckung eigens erschaffener Figuren, sind sie ein enormer Fortschritt. Vor allem Frischlinge unter den Autoren (insbesondere diejenigen, die geradewegs aus der PC-Rollenspielbranche kommen
) neigen dazu, sich zu sehr an einen Fragebogen zu klammern. Das wiederum führt dazu, dass man von Figuren nur noch in Stereotypen denkt, was man in jedem Fall vermeiden sollte.
Einen sehr detaillierten, wenn auch englischen, Fragebogen findet man auf Epiguide. Ein nicht ganz so konkreter, aber dennoch sehr hilfreicher Bogen wurde im Tintenzirkel gepostet.