Fantastische Charaktere: The Blade Itself

Es gibt wenige Bücher, die mich von Beginn an wirklich fesseln, bei denen ich schon nach drei Seiten weiß, dass es sich um etwas außergewöhnliches handelt. Eines davon ist The Blade Itself von Joe Abercrombie. Die deutsche Version heißt, ganz gemäß der üblichen Präzision deutscher Titelübersetzungen, Kriegsklingen. Ich habe allerdings nur die englische Version gelesen (die um einiges billiger ist ;-) ).

Das Cover von The Blade Itself

Cover von The Blade Itself

The Blade Itself fesselt, vor allem durch seine Charaktere. Es ist, als hätte Abercrombie mein Flehen schon im Voraus erhört: Es sind vielschichtige Charaktere, faszinierende Charaktere, Charaktere, die sich entwickeln, die nicht ganz so sympathisch sind und mir trotzdem irgendwie ans Herz gewachsen sind. Logen, der Barbar mit einer düsteren Vergangenheit als brutaler Schlächter und Krieger, der eigentlich allen Kämpfen aus dem Weg gehen will. Nur wollen die Kämpfe ihm nicht aus dem Weg gehen. Jezal dan Luthar, ein adliger Offizier und wie die Umschlagsbeschreibung so schön sagt: a paragon of selfishness. Er kommt aus reichem Haus, hat für das gemeine Volk nur Verachtung übrig und liebt es, seine sogenannten Freunde beim Kartenspiel zu schröpfen. Last but not least mein persönlicher Lieblingscharakter: Inquisitor Sand dan Glokta. Einst ein gefeierter Offizier und Gewinner des alljährlichen spektakulären Fechtturniers, dann ein Kriegsgefangener. Sein unfreiwilliger Gastgeber, der Imperator von Gurkhul, hat ihn nach allen Regeln der Kunst foltern lassen, sodass er kaum noch selbstständig gehen kann. Ein Krüppel, mit einer sehr zynischen Weltsicht, der seinen Opfern mit eher unmoralischen Mitteln Geständnisse entlockt und sich dabei immer wieder fragt, warum er das eigentlich tut. Schon sein erster Auftritt als Perspektiventräger beginnt mit dem Satz Why do I do this?

Die sprachliche Ausgestaltung passt ganz in die Atmosphäre des Buches: düster, derbe und unangenehm realistisch. Fuck oder shit in allen grammatikalischen Variationen finden sich auf jeder zweiten Seite und der Autor macht sich keine große Mühe, die weniger poetischen Angelegenheiten des Alltags sanft zu umschreiben. In dieser Hinsicht ähnelt er stark George R. R. Martin, ohne dass das bedeutet, dass er irgendwelche Ideen “geklaut” hätte.

Die Charakterentwicklung ist fantastisch, auch die Nebencharaktere nehmen sich im Vergleich zu den drei Protagonisten nicht gerade flach aus, sondern schillern in den unterschiedlichsten Farben. Ich hasse Spoiler, was die Handlung angeht, deswegen werde ich mich darüber ausschweigen, aber dieses Buch ist wirklich ein Meisterwerk und ich kann es jedem nur empfehlen. Abercrombie ist das neue Gesicht der nicht ganz so klassischen High-Fantasy und er versteht es wirklich, Emotionen zu vermitteln. Wer seine Bücher liest, an dem ziehen sie nicht nur leicht und flockig vorbei, sondern sie reißen brutal in die Geschichte hinein. So müssen Bücher sein!

Über Pyrochrom
Gestatten, Pyrochrom. Meines Zeichens Oberstufen-Gymnasialschüler aus der südwestlichen Ecke Deutschlands. Nein, nicht der ganz unten, sondern der bei Karlsruhe. Präziser könnte man sagen: In Karlsruhe. Aber das ist nebensächlich. Ich bin bekennender Fantasy-Fan und auch Hobby-Autor, mache mir gerne Gedanken über philosophische Fragen und programmiere. Was vielleicht noch erwähnenswert wäre, ist mein Interesse für die Historik und, dass ich Schlagzeug spiele.

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